Ein toller Fund unweit des Eisenzeithauses!

Eine Hand hält eine Pfeilspitze aus Flint


Fund des Jahres. 

Manchmal geht der Autor über das frisch gepflügte Feld beim Eisenzeithaus. Meist einfach so. In einem nicht lange zurückliegenden Frühjahr brachte dieser Gang eine schöne Überraschung. 
Nach ein paar Schritten hielt er eine 4300 Jahre alte Pfeilspitze aus Flint in der Hand. Sie lag einfach so da.

Eine Pfeilspitze aus Flint, im Hintergrund das Eisenzeithaus.









Zu Hause bei genauer Betrachtung: Sie ist vollkommen unversehrt

Was kann diese hübsche kleine Pfeilspitze uns erzählen über den Menschen, der sie gemacht - und verloren hat? Und wann genau war das überhaupt? Lange ist das her! Es war eine ziemlich wilde Zeit! Und eine sehr lange Reise.

Eine sorgfältig hergestellte Pfeilspitze aus Flint

Solche Pfeilspitzen waren vermutlich viel zu schade für die Jagd oder das Vertreiben von wilden Hunden, Wölfen oder so was. Dafür reichten viel einfacher gemachte Exemplare aus. Die filigran gemachten, sorgfältig retuschierten Pfeilspitzen dieser Zeit findet man meist als Beigaben in Gräbern oder im Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen. Sie waren so etwas wie Statussymbole.

Sie ist vor etwas über 4300 Jahren hier in den Boden gelangt. In unserer Gegend ging gerade die Jungsteinzeit allmählich zu Ende, die Bronzezeit hatte hierzulande aber auch noch gar nicht richtig begonnen. Es war eine ziemlich turbulente Zeit, mit vielen Umwälzungen und einigen kriegerischen Auseinandersetzungen.

Schnurkeramiker, Glockenbecherkultur


Gab es hier einen Überfall? 
Als diese Pfeilspitze beim Eisenzeithaus in den Boden gelangte, waren gerade rätselhafte Leute aus den Steppengebieten nach Westeuropa gekommen. Sie brachten nicht nur domestizierte Pferde mit, die man hier zuvor nicht kannte, sondern auch Krieg. Sie waren Nomaden, gute Reiter und hervorragende Bogenschützen. An vielen Orten kam es zu Überfällen. Und manchmal kam es mit den einheimischen Bauern zu regelrechten Schlachten. Ötzi, dessen Eismumie weltbekannt ist, lebte genau zu dieser Zeit. 
Am Ende beherrschten merkwürdigerweise diese berittenen Neuankömmlinge offenbar weite Teile Europas. Die Follower dieser neuen Lebensweise scheinen sich bald in die Haare bekommen zu haben, und die unterschiedlichen Gruppen bemühten sich, irgendetwas zu tun, was sie von den jeweils anderen unterscheiden würde. 

Zum Beispiel begruben sie ihre Toten unterschiedlich. 


Oder sie machten Ihre Pfeilspitzen anders als die anderen, bemalten ihre Pfeile vielleicht auf besondere Weise.
Diese turbulente Zeit des kulturellen Umbruchs, die die Archäologie mit Bezeichnungen wie Schnurkeramik, Kugelamphorenkultur, Einzelgrabkultur, Becherkulturen und anderen Begriffen zu beschreiben versucht, endete mit Auftauchen der letzen neolithischen Kulturerscheinung, der der "Glockenbecherkultur". Die Glockenbecherkultur war schnell etabliert. Sie ist benannt nach den typischen, an Glocken erinnernden Trinkgefäßen, die plötzlich überall als Beigabe in die Gräber gelegt wurden. Man vermutet, dass daraus ein neuartiges Getränk, nämlich Bier, getrunken wurde. Saufen für den Frieden? 

Ein Keramikgefäß der Schnurkeramischen Kultur liegt auf einem Hügel vor einem Haufen Holzkohle
Keramikgefäß der Schnurkeramiker


Zwei typische Glockenbecher der Glockenbecherkultur stehen zweischen blühendem Thymian
Glockenbecher

Es entstanden plötzlich regelrechte Aristokratien, die sich über weite Strecken umfassend vernetzten und zunächst die Kupfertechnologie, wenig später die Bronzetechnologie ausbauten. 
Besonders verblüffend ist, dass sich die Gene dieser Steppenleute in kürzester Zeit in fast ganz Westeuropa durchsetzten und die Vorbevölkerung genetisch nahezu ausstarb. Vielleicht brachten die "Eroberer" Krankheitserreger mit, gegen die die einheimische Bevölkerung keine Abwehrfähigkeit hatte, zum Beispiel eine Form der Pest. 

Mit diesen Ereignissen war nach Zehntausenden von Jahren der europäischen Steinzeit eine neue Ära angebrochen: Die europäischen Metallzeiten, zunächst die Bronzezeit und bald darauf - die Eisenzeit. 

Ein schmerzhafter Verlust


Die Pfeilspitze ist typisch für diese turbulente Zeit.

Was aber genau hier vor 4300 Jahren unweit des Eisenzeithauses geschah werden wir wohl nie genau erfahren. Es gibt eigentlich nur drei Möglichkeiten. 
Der Pfeil wurde hier abgeschossen und ging dabei daneben und verschwand unauffindbar in den Büschen wäre die erste. Solche Pfeilspitzen herzustellen dauert etwa eine Stunde für einen geübten Flintknapper, die Herstellung des Pfeilschafts, der Befiederung, das Einsetzen der Pfeilspitze, das Finetuning dauerte mindestens ebenso lange. Wenn man so einen Pfeil verloren hatte, hat man sicher danach gesucht und war sauer, wenn man ihn nicht wiederfand. So geht es uns im Sommer am Eisenzeithaus bei unseren Bogenschiess-Aktionen jedes mal, denn auch wir verballern gelegentlich einen Pfeil, den wir danach ewig suchen und doch nie wiederfinden.

Eine Ewigkeit


4300 Jahre! 

In der Zwischenzeit ist der Holzschaft des Pfeils mitsamt Befiederung verrottet. Nur die kleine Pfeilspitze aus Feuerstein überdauerte von nun an die ganze unglaublich lange Zeit. 
  • In Ägypten wurden die letzten Pyramiden gebaut - die kleine Pfeilspitze lag hier im Boden 
  • Tutanchamun wurde in seiner Grabkammer im Tal der Könige beigesetzt (das Blumenbukett der Prozession fand sich bei der Entdeckung vor 100 Jahren übrigens perfekt erhalten an eine Wand angelehnt, so, wie es damals hingestellt worden war), die kleine Pfeilspitze lag hier im Boden. 
  • Rom wurde gegründet, die kleine Pfeilspitze lag hier im Boden. Rom wurde zu einem Weltreich, die kleine Pfeilspitze lag hier im Boden
  • Roms Truppen kamen hier vorbei, die kleine Pfeilspitze lag hier im Boden 
  • In Jerusalem wurde ein Mann hingerichtet, der später sehr berühmt werden sollte, die kleine Pfeilspitze lag hier im Boden 
  • Das Mittelalter verging 
  • Europäer entdeckten zum zweiten Mal Amerika (Isländische Nordmänner hatten es um das Jahr 1000 schon mal entdeckt), überzogen es mit ihren Zuwanderern, entdeckten Australien und machten dort dasselbe 
  • Menschen flogen ins All, liefen auf dem Mond herum 
  • ...und erfanden das Handy 
All das hat die kleine Pfeilspitze hier im Boden verschlafen. Sogar, dass unsere Technik inzwischen so weit ist, genau bestimmen zu können, wann zuletzt Sonnenlicht auf die Oberfläche der Pfeilspitze gefallen ist, bevor sie jetzt nach Ewigkeiten plötzlich wieder ans Licht kam. 

Ein kleines Wunder

Womöglich ist sie aber auch immer mal wieder unbemerkt aus dem Boden aufgetaucht beim Pflügen und ist dann irgendwann wieder untergepflügt worden. 
Dass sie jetzt vollkommen unbeschadet wiederentdeckt wurde, ist an sich ein kleines Wunder. Sie durchmachte Tausende Jahre voller Gefahren: 
  • Jahrhunderte lang trachteten Pflüge danach, harte Feldsteine gegen sie prallen zu lassen, um das filigrane Ding im Boden zu zerbrechen 
  • bemühten sich schwere Traktoren in den letzten Jahrzehnten Jahr für Jahr, das zierliche menschliche Werk unter ihren Rädern zu zermalmen
  • wollte spätestens die Kreiselegge es in kleinste Fitzel zerstückeln. 

Die Zeitreise


Aber die kleine Pfeilspitze trotzte dieser Unbill. Bis zum heutigen Tag, an dem ihre gefahrenreiche Zeitreise endlich ein glückliches Ende nehmen sollte. 
Die Pfeilspitze würde, wenn sie welche hätte, ganz schön Augen machen! 
Vielleicht aber würde sie die Landschaft um sie herum sogar wiedererkennen. Die Silhouette des Wiehengebirges hat sich nicht groß verändert, seit ihr Besitzer sie vor Tausenden von Jahren verloren hatte. Und Ackerfluren hat es damals auch schon in recht großem Umfang hier gegeben. Auch das Reetdach des Eisenzeithauses dürfte ihr vertraut vorkommen. Nicht viel anders sahen die Höfe damals nämlich auch aus. Spätestens in meinem Auto aber würde sie sehr erstaunt gewesen sein!

Eine sorgfältige Nachsuche ergab erst einmal keine weiteren Funde. Ein kriegerisches Ereignis scheidet zum Glück also vermutlich aus.

Was aber geschieht nun mit ihr?


Für den Autor war es eine Erinnerung an das Gefühl, das ihn einst dazu gebracht hat, Ur- und Frühgeschichte zu studieren. Jahrzehnte ist das inzwischen her. Aber das Gefühl ist geblieben. Es ist eine Art Liebe, die nicht vergeht.

Aber natürlich muß auch ein solcher kleiner Fund - archäologisch nur mit Koordinaten und Fundmeldung von Nutzen - seinen bürokratischen Weg gehen. Die Archäologie braucht die UTM-Koordinaten, um festhalten zu können, wo er gefunden wurde. Vielleicht ist das irgendwann mal in irgendeinem Zusammenhang von irgendeiner Bedeutung. 

Also geht es an den Schreibtisch. Die Fundstelle, die Art des Fundes, der Finder und der Fundzeitpunkt sowie die Fundumstände werden festgehalten. Dafür gibt es zum Glück Programme. Und auf dem Feld schon hat der Autor sein Handy benutzt, um die Stelle festzuhalten.



Zu Hause kommt das lütte hübsche Ding frisch geduscht (ein Rasierpinsel tut dabei übrigens gute Dienste, denn seine Borsten sind weich) und abgetrocknet in seinen neuen Beutel, zusammen mit dem schnell angefertigten Fundzettel, um bei Gelegenheit der Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück gemeldet werden zu können. Dort bekommt es eine Registriernummer, und seine Fundkoordinaten werden in der Datenbank gespeichert. 
Ab jetzt hat diese kleine Pfeilspitze einen sicheren Platz im Hause des Finders, der es gerne immer wieder mal betrachten wird, um sich an diesen schönen Tag zu erinnern. Und der sie anderen Menschen, vor allem Kindern, zeigen und ihnen ihre Geschichte weitererzählen wird. 
Vielleicht muss er ihr aber auch erzählen, was inzwischen alles so passiert ist auf der Welt. 
Vielleicht lässt er dabei aber lieber ein paar Sachen aus. 

Sonst will sie bestimmt wieder vergraben werden.






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